Herford (VZ). Sebastian Kühnel. Nach einer verbüßten Haftstrafe wieder Fuß in der Gesellschaft zu fassen, kann mitunter schwierig sein. Das Projekt »Anstoß für ein neues Leben« soll jugendlichen Straftätern diesen Schritt durch eine Schiedsrichterausbildung erleichtern. 13 Häftlinge sowie zwei Justizvollzugsbeamte der JVA Herford haben die Prüfung nun bestanden.
In 16 Unterrichtsstunden vermittelten die Schiedsrichterlehrwarte Manfred Gallinger und Enrico Friemelt den Teilnehmern das nötige Wissen, um ein Fußballspiel zu leiten. Nach einer 30-minütigen Klausur musste ein abschließender Fitnesstest absolviert werden. »Fitnessprobleme haben wir hier noch nie gehabt«, zeigte sich Dieter Wiebusch, Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses, von dem Engagement der Insassen begeistert. Und auch in der Theorie waren die angehenden Unparteiischen fit. 15 der 16 Teilnehmer bestanden die Prüfung und dürfen von nun an Spiele leiten. Diese Ausbildung soll keine einmalige Sache sein. Deshalb bietet die JVA den Absolventen die Möglichkeit, ihr Wissen in Turnieren anzuwenden. Auch der Schiedsrichterausschuss setzt auf Kontinuität. »Die Jungs bekommen die Schiedsrichterzeitung und wir versuchen, sie durch regelmäßige Leistungsüberprüfungen bei der Stange zu halten «, sagt Wiebusch. Für zwei Teilnehmer bietet sich bald die Möglichkeit, dank der Ausbildung den ersten Schritt in ein neues Leben zu wagen. Sie wechseln in den gelockerten Vollzug und können außerhalb der Gefängnismauern zur Pfeife greifen. Zwei Vereine haben sich auch bereits gefunden. Der SV Schnathorst und der VfL Holsen wollen die frisch ausgebildeten Schiedsrichter unter ihre Fittiche nehmen. Auf Initiative der Sepp-Herbergerstiftung hatte der Deutsche Fußballbund, das NRW-Justizministerium und der Westdeutsche Handwerkskammertag die Aktion »Anstoß für ein neues Leben« ins Leben gerufen. Regelmäßiges Fußballtraining oder eine Schiedsrichterausbildung sollen das Sozialverhalten der Inhaftierten fördern und die Wiedereingliederung nach der Haft erleichtern. »Ein Engagement in einem Verein schafft Perspektiven. Die Mundpropaganda ist dort sehr aktiv und vielleicht findet sich so ein Jobangebot«, sieht Hans-Jürgen Bredenkamp, Sportbeamter der Justizvollzugsanstalt Herford, in diesem Projekt große Chancen. Diese Meinung teilt auch der Vizepräsident der Handwerkskammer OWL, Ralf Noltemeyer, der sich für die Berufsausbildung der Inhaftierten engagiert. Der selbst aktive Schiedsrichter war 2007 an den Kreisschiedsrichterausschuss herangetreten und hatte die Schiedsrichterausbildung in der JVA Herford initiiert. Seitdem nahmen etwa 40 Insassen an dem Programm teil, von denen wie Dieter Wiebusch, Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses, stolz erklärte, heute vier »aktiv an der Pfeife sind«.
Quelle: Westfalen-Blatt, 14.01.2011